Interview zum 70. Geburtstag
Interviewerin:
Eva Schachinger
von women-up - die
virtuelle Stadt für Frauen
Barbara, man kennt Dich als Schauspielerin, Buchautorin und engagierte und unbequeme Tierschützerin. Wir haben Deinen Steckbrief und Werdegang ja auch auf diesen Seiten dokumentiert. Zurückblickend - was kannst Du sagen, waren Deine Erlebnisse, die Dich immer wieder veranlaßten, neue Wege einzuschlagen ? - Du hättest ja genauso gut weiter schauspielern und Dich nun auf Deinen Lorbeeren ausruhen können!
Mein Interesse an Menschen-, Tier und Umweltschutz besteht seit meiner Kindheit. Ich leide sozusagen am Helfersyndrom. Einer meiner Brüder berichtete mir von einer Episode, die ich vergessen hatte: Meine Eltern machten sich große Sorgen, weil ich eines Tages nicht wie üblich von der Schule nach Hause kam. Was war passiert? Ich hatte einer alten Frau den schweren Koffer vom Bahnhof bis in das vier Kilometer entfernte Dorf getragen, in dem sie wohnte.
Als ich 12 Jahre alt war, bekam meine Mutter zu uns 3 Kindern noch Zwillinge. Ich führte damals den gesamten Haushalt, war eine perfekte Kinderschwester. Als Älteste hatte ich immer die Verantwortung nicht nur für meine jüngeren Geschwister, sondern auch für eine ganze Schar anderer Kinder. Die Eltern sagten immer: Wenn die Waltraut - ich hieß ursprünglich Waltraut - wenn die Waltraut dabei ist, darfst Du mitgehen. Ich war immer das artige, vorbildliche Kind. Erst jetzt leiste ich es mir, unartig zu sein, aufmüpfig zu sein. Tut richtig gut.
Doch zuerst warst Du bei Film und Theater erfolgreich ...
Mein Interesse galt von Anfang an mehr dem Theater als dem Film. Ich wollte mich als heilige Johanna auf der Bühne für die Menschheit opfern, andererseits aber wohl auch dem "normalen", dem durchschnittlichen Leben entfliehen, hinein in die Traumwelt der Bühne, wo es leichter ist, heftig und abenteuerlich zu leben. Da ich meinen Lebensunterhalt hauptsächlich mit Blutspenden bestritt - monatlich 1/2 Liter Blut für 30,- DM und ein warmes Mittagessen - gab ich 1952 bei der Ufa in Berlin-Tempelhof ein paar Fotos ab, in der Hoffnung, als Komparsin engagiert zu werden und - bekam prompt eine Hauptrolle, ein Flüchtlingsmädchen in dem Film "Postlagernd Turteltaube". Ich brauchte gar nicht zu spielen, nur zu sein, was ich war - nämlich ein Flüchtlingsmädchen.
Für den zweiten Film, in dem ich eine russische Soldatin spielte, die sich in ihren amerikanischen Gefangenen verliebt und ihn laufen läßt, nur eine 5-Tage-Rolle, erhielt ich gleich den Bundesfilmpreis als beste Nachwuchsschauspielerin. Damit war meine Karriere als Verkörperung leidenschaftlich liebender Frauen besiegelt. Es folgten insgesamt 45 Filme, wie "Die letzte Brücke", "Canaris", "Die Geierwally", "Heideschulmeister Uwe Karsten", "Die Schatten werden länger", "Operation Crossbow", "Stadt ohne Mitleid", "Herz ohne Gnade", "Alle Sünden dieser Erde" und die berühmten Krimis von Edgar Wallace, "Der Hexer", "Der Zinker", "Neues vom Hexer", sowie eine Reihe Fernsehspiele.
1956 debütierte ich dann am Theater in Krefeld mit "Die Tochter des Brunnenmachers". Es spielte ein echtes Baby mit, das in einem am Baum hängenden Pappkarton strampelnd das Publikum entzückte. Dieses Baby habe ich vor kurzem wiedergesehen - einen wunderschönen, also nun etwa 40 Jahre alten Mann, Typ Gregory Peck.
Ja, und dann folgte auf der Bühne eine Neurotikerin nach der anderen: Fräulein Julie von Strindberg, Hedda Gabler, die Fürstin Eboli, Lady Macbeth, die Marie im "Wozzeck", die Tochter im "Postmeister" von Puschkin, die ehrbare Dirne, die ich insgesamt 250 mal spielte, die "Martha" in "Wer hat Angst vor Virginia Woolf", einige Komödien wie "40 Karat", "Der Widerspenstigen Zähmung", die Mutter Courage von Brecht - an allen großen deutschsprachigen Schauspielhäusern und auf Tourneen. Ich habe mich nie an ein Theater gebunden, war immer frei.
Mich interessiert einfach, was Lebewesen an- und umtreibt. Als Kind wollte ich zunächst Verkäuferin im Krämerladen des Dorfes werden, in dem meine Eltern Lehrer waren, dann Gärtnerin und schließlich Ärztin - diesen Plan machte das Kriegsende zunichte, als ich mit einem Rucksack in Flensburg stand und mich durchschlagen mußte, zunächst als Dienstmädchen in einer dänischen Familie, später in der dänischen Bibliothek und dann als Fremdsprachenkorrespondentin in Kopenhagen, wo die Idee geboren wurde, Schauspielerin zu werden.
Als Schauspielerin muß man ständig die Seelen der Personen ergründen, die man darstellt. Eines Tages merkte ich, daß meine eigene Seele Schaden nimmt, wenn ich ständig in andere hineinschlüpfe und beendete die Schauspielkarriere mit meiner üblich Radikalität, in doppelter Hinsicht: schnitt mir die gefärbten Haare bis auf die Wurzeln ab, weil auch für Haarfärbemittel Tierversuche gemacht werden - und schnitt gleichzeitig meine Schauspielkarriere ab. Ich hab das keine Sekunde bereut. Ich hatte 45 auch internationale Filme gedreht, alle Frauenrollen der Weltliteratur gespielt - was will man mehr. Ich hatte nie den Ehrgeiz, auf der Bühne zu sterben. Und kann Wiederholungen nicht ausstehen. Ich muß immer etwas Neues wagen.
Der 70. Geburtstag - eine Zeit zum Zurückblicken und Zwischenbilanz ziehen. Was hast Du erreicht, was möchtest Du noch erreichen? Was würdest Du heute anders machen, wenn Du die Gelegenheit hättest ?
Eben kam ein Anruf, in dem mir ein entfernter Bekannter aufgeregt mitteilte, daß in Kürze der Wallace-Krimi "Der Zinker" im Fernsehen läuft - mit der kürzlich verstorbenen Barbara Rütting. Der Anrufer war ganz erleichtert, als ich mich quicklebendig am Telefon meldete.
Also: Der 70. Geburtstag, Zeit zum Zurückblicken? An sich blicke ich überhaupt nie zurück, lebe total in der Gegenwart. Mein Leben war gut so, wie es war. An meinem 60. Geburtstag habe ich gesagt, ich bin entschlossen, die kommenden Jahre zu den schönsten meines Lebens zu machen, und das ist mir gelungen - schön nicht im Sinne von gemütlich, im Gegenteil, ich habe mehr gearbeitet, mir mehr zugemutet als je zuvor, und damit auch mehr Höhen und Tiefen erlebt.
Was ich anders machen würde, wenn ich die Gelegenheit dazu hätte? Da ich Wiederholungen nicht ausstehen kann, würde ich natürlich alles anders machen und wäre begierig auf neue Erfahrungen.
Was ich noch erreichen möchte: Daß eine Öko-Siedlung entsteht, wie ich sie in Österreich zu realisieren versuchte, eine Siedlung in der Jung und Alt, Mensch und Tier in ökologisch intakter Umwelt liebevoll miteinander leben - Alte nicht ins Altersheim, elternlose Kinder nicht ins Kinderheim, herrenlose Tiere nicht ins Tierheim müssen, also eine Lebensgemeinschaft, in der diese drei Ghettobewohner miteinander leben - die Menschen vegetarisch, bei den Tieren wird es noch ein Weilchen dauern, bis, wie im Bibelspruch, das Zebra neben dem Löwen liegt und beide Gras fressen.
Hast Du Angst vor dem Tod?
Angst vor Alter und Tod habe ich überhaupt nicht. Vor Jahrzehnten sagte ich in einem Interview sogar "aufs Sterben freue ich mich", was ziemliches Entsetzen hervorrief. Sicher wäre es schlimm, lange leiden zu müssen. Aber auch ein solches Leiden würde ich als Möglichkeit annehmen, mich zu entwickeln - es jedenfalls versuchen. In der chinesischen Sprache gibt es angeblich das gleiche Wort für die Begriffe "Krise" und "Chance". Bisher habe ich mich erfolgreich bemüht, die Schicksalsschläge in meinem Leben als Chancen für meine Entwicklung zu nutzen, demütiger zu werden, wesentlicher, liebevoller.
Ich wünsche mir einen Tod, der der Verwandlung einer Raupe in einen Schmetterling entspricht. Die Raupe hat gewiß Angst vor ihrem Ende als Raupe, aber ich nehme nicht an, daß der Schmetterling sich in sein Raupendasein zurücksehnt. Menschen mit Nahtoderfahrungen berichten von unglaublich friedvollen Zuständen und daß sie am liebsten nicht auf diese Erde zurückgekehrt wären. Das Leben hier ist ja wirklich fast unerträglich schwierig, manchmal, scheint mir, eine Art Strafanstalt. Also, ich bin gespannt.
Woran glaubst Du und wie praktizierst Du Deinen Glauben?
Ich glaube an nichts, halte aber auch nichts für unmöglich. In der ehemaligen DDR soll ein Kind seine Mutter gefragt haben "Weiß der liebe Gott, daß wir wissen, daß es ihn nicht gibt?". Wenn mir jemand erzählt, er oder sie habe mit Engeln gesprochen, so werde ich nicht denken, diese Person gehört ja ins Irrenhaus, sondern ich werde es für möglich halten, daß dieser Mensch vielleicht feinfühliger ist als ich und Dinge erfährt, für die ich (noch) nicht reif bin.
Die Theorie der Wiederverkörperung wäre einleuchtend, es sei denn, sie ist ein Trick des Verstandes, diesem ganzen Leben hier einen Sinn zu geben. Jedenfalls, Karma hin oder her, versuche ich, in diesem Erdenleben so wenig Leid wie möglich zu verursachen, und soviel wie möglich dafür zu tun, daß es auf diesem Planeten etwas liebevoller zugeht, also das berühmte Apfelbäumchen zu pflanzen, immer wieder, auch wenn morgen die Welt unterginge. Ich gehöre keiner Religion an, weil ich schon als Kind erkannte, daß alle Religionen, ausgenommen die buddhistische, eine Blutspur hinter sich herziehen, und sich die Menschen ständig im Namen Gottes die Köpfe abschlagen, weil sie meinen, nur ihr Gott sei der richtige.
Aber im Sinne der ursprünglichen Bedeutung des Wortes "religio", nämlich Rückbindung, bin ich sicher religiös. Ich sehe den Kosmos als einen großen Organismus, mich als ein Teilchen davon, und ich fühle mich für das Ganze verantwortlich.
Zu Deinem täglichen Leben gehört auch die Abwechslung von Aktivität und Passivität - von körperlicher Bewegung und Meditation. Welche der vielen Meditationstechniken und welchen Sport übst Du aus?
Ich mache täglich in der Früh seit meinem 17. Lebensjahr 15 bis 20 Minuten Yoga. Als Meditation verwende ich unterschiedliche Techniken. Nach dem "Scheitern" meines Dorfprojektes war ich physisch und psychisch total am Boden. Da hat mir die "Transzendentale Meditation" sehr geholfen wieder zu schlafen, auf die Beine zu kommen, mit dem Schmerz fertig zu werden, wieder zu gesunden. Später kamen die wunderbaren kathartischen Meditationsübungen von OSHO dazu, den ich für den größten Therapeuten dieses Jahrhunderts halte, weil er es meisterhaft verstand, westliche und östliche Techniken miteinander zu verbinden. Wenn ich lange an der Schreibmaschine gesessen habe, ist die Kundalini phantastisch, wenn ich mich ungerecht behandelt fühle oder den ganzen Wahnsinn dieser Welt überhaupt unerträglich, brülle ich meine Verzweiflung in der "Dynamischen Meditation" hinaus. Eine besonders großartige Meditationsform ist die "Mystic Rose", die ich im nächsten Jahr in Indien lernen werde, um dann als Trainerin - natürlich gemeinsam mit einem nach westlichen Kriterien ausgebildeten Therapeuten - Menschen zu helfen, unterdrückte Tränen und Wut in Lachen und Weinen zu transformieren. Darauf freue ich mich riesig.
Bis vor ein paar Monaten bin ich geritten. Eines meiner Pferde hat zur Zeit ein Problem mit den Beinen, nachdem ein Jäger derartig im Wald herumballerte, daß beide Pferde durchgingen, ich herunterfiel und mir den Finger brach, sodaß wir gerade eine Pause einlegen.
Ich gehe viel mit meinen Hunden spazieren, bei jedem Wetter, schwimme im Sommer in meinem Teich. Zu mehr Sport reicht die Zeit leider nicht.
Existiert das Seminarzentrum noch? Arbeitest Du zur Zeit an einem oder mehreren Projekten?
Das Seminarzentrum existiert nicht mehr, es war je Teil der nicht zustande gekommenen Öko-Siedlung.
Ich war zu früh dran mit diesem Projekt, zur falschen Zeit also, am falschen Ort und mit den "falschen" Menschen. Der kleine Ort, in dem alles hätte entstehen sollen, war mit meinen Visionen total überfordert. Die Leute hatten Angst: Was will ich eigentlich - noch dazu als nicht in Österreich geborene, also als Piefke!? Wer kommt da überhaupt, lauter Piefkes? Lauter Grüne? Lauter Hunde? Lauter Behinderte? Die Dorfbewohner sahen eine Horde Rollstuhlfahrer durch den Ort rasen, denn ich wollte, daß auch Behinderte bei uns leben. Vor allem aber hatten sie Angst, der konservative Bürgermeister könnte letztendlich abgewählt werden. Und diese Sorge zumindest war wohl nicht unbegründet. Wie auch immer, heute, zirka 15 Jahre später, entstehen in der ganzen Welt ähnliche Projekte, weil die Zeit einfach reif dafür ist. Es scheint mein Schicksal zu sein, daß ich Vorreiterin sein muß, daß ich wie ein Maulwurf die Erde aufzulockern habe, sodaß die Nachkommenden einen guten Boden beackern können. Ist auch o.k. In der Vollwerternährung war ich ebenfalls eine Pionierin, als Spinnerin verspottet. Heute ist Vollwerternährung "in".Da für mich Menschen- und Tierschutz untrennbar sind, bin ich in etwa 20 Vereinen aktiv. In Indien habe ich bereits "mein" fünftes Kind, dem ich Lebensunterhalt und Ausbildung bezahle. Ich erwähne das deshalb, weil immer wieder die Meinung geäußert wird, die Tierschützer kümmerten sich nur um die Tiere und nicht um die Menschen.
In Assisi helfe ich dem gemeinnützigen Verein "Pro Animale" mit seiner unglaublich tapferen Johanna Wothke, dort das längst fällige Tierheim aufzubauen. Wir konnten bereits ein kleines Tal mit einer alten Mühle kaufen, einige Pferde leben bereits dort, Schafe und Ziegen, die Stallungen für Hunde und Katzen müssen noch gebaut werden, dafür fehlt natürlich Geld. Außerdem soll in Assisi ein internationales und interreligiöses Begegnungszentrum entstehen, das mir am Herzen liegt. Nicht nur Christen sollen sich dort treffen, sondern genauso Juden, Moslems, Buddhisten, Atheisten usw. Ich werde sicher in den nächsten Jahren regelmäßig auch in Assisi leben. Durch die Erdbeben sind natürlich unsere Bauvorhaben ins Stocken geraten. Johanna Wothke hat mit "Pro Animale" bereits in über einem Dutzend Ländern Tierheime errichtet und über 3000 Hunde vor dem Versuchslabor bewahrt. Jede noch so kleine Spende trägt zur Verwirklichung auch des in Irland entstehenden Heims für Greyhounds bei. Das Schicksal der Greyhounds, die bei den Wetten verlieren, ist grauenhaft, sie werden bestialisch umgebracht, erschossen, erschlagen, ertränkt, nur weil sie verloren haben. Was Menschen immer wieder Tieren antun, ist unfaßbar, das wird erst aufhören, wenn endlich die Erkenntnis selbstverständlich ist, daß Tiere eine Seele haben, daß sie glück- und schmerzempfindende Lebewesen sind und als solche behandelt werden müssen. Die Kinder haben dafür oft mehr Verständnis als die Erwachsenen. Deshalb sind die Kinder auch meine große Hoffnung.
Mit Bulgarien verbindet mich schon eine längere Freundschaft. 1989 berichteten mehrere Zeitungen, daß in den Balkanländern Menschen hungerten, ja verhungerten, weil sie kein Fleisch, keine Wurst und keinen Zucker hatten. Ich frage mich, wieso Menschen hungern oder gar verhungern müssen, weil sie etwas nicht haben, was ich gar nicht brauche, und bot in einem offenen Brief an einen befreundeten bulgarischen Arzt an, die vegetarische Vollwerternährung in Bulgarien vorzustellen. Kurze Zeit später fand der erste Kochkurs für Ärzte und Köche in Sofia und am Schwarzen Meer statt, weitere Besuche und Kochkurse folgten, Broschüren wurden gedruckt und kostenlos verteilt. Inzwischen bereiten mehrere Restaurants in und um Sofia vegetarische Vollwertgerichte zu - wie das übrigens früher in Sofia üblich war.
Die vegetarische Vollwertkost oder zumindest eine Annäherung an diese Ernährungsweise wäre tatsächlich die einzige Möglichkeit, viele Menschen vor dem Verhungern zu retten, wie mir erst kürzlich eine Journalistin in Sofia bestätigte, denn Fleisch ist inzwischen fast unerschwinglich geworden. Bei meinem ersten Besuch mußte eine Hausfrau bei einem durchschnittlichen Monatsverdienst von 800 Lewa ca. 90 Lewa für ein Kilo Fleisch hinblättern, dagegen nur 3 Lewa für ein Kilo Getreide. Man stelle sich nur vor, wie wenig eine Familie mit einem Kilo Fleisch anfangen kann, wie lange sie hingegen mit der dem Fleischpreis entsprechenden Menge günstigen Getreides über die Runden kommt, aus dem sich noch dazu soviele schmackhafte Gerichte zubereiten lassen - früher eine Selbstverständlichkeit auch in den Balkanländern, heute nur in Vergessenheit geraten.
Nach dem Erfolg in Bulgarien fuhr ich 1994, wieder Getreidemühlen im Gepäck, zu Michail Gorbatschow. Er verstehe nichts von Ernährung, bedeutete er, nehme selbst 6 Stücke Zucker in den Kaffee - verwies mich aber an den Chefarzt seiner Klinik für strahlengeschädigte Kinder. Dieser nun war begeistert und schlug mir vor, die wichtigsten Informationen über diese Ernährungsform zusammenzustellen, sie ins Russische übersetzen zu lassen und dann noch einmal Moskau zu besuchen, um Mühlen und Vollwertkosternährung in der von ihm geleiteten Moskauer Fernsehsendung "Mensch hilft sich selbst" vorzustellen. So entstand die Idee zu meinem neuen Buch "Grüne Rezepte für den blauen Planeten".
Kurioserweise lassen sich die Ideen einer - ich möchte sagen: grünen Küche im Moment am ehesten in Bulgarien verwirklichen. Bei meinem Besuch im August in Bansko, einem Ort mit 10.000 Einwohnern in der Nähe von Sofia, bemerkte der sehr innovative Bürgermeister, daß in diesem Winter allein in Bansko 100 bis 150 arme alte Menschen verhungern müßten, wenn keine Hilfe käme.
Ich habe sofort eine Hilfsaktion angekurbelt, eine große und einige kleine Getreidemühlen nach Sofia gebracht. Die Organisation "Ernte für das Leben" sammelte 15.000 Kilo Lebensmittel, Getreide, Gemüse, Kartoffeln, Obst und Sämereien, alles Spenden von Bauern aus dem Salzburger Land, die in den nächsten Tagen nach Bansko transportiert werden, denn Naturalien sind leichter zu erhalten als Geldspenden. In dem aus Geldmangel geschlossenen Kindergarten in Bansko wird eine Küche entstehen, in der für die hungernden Menschen gekocht wird, sodaß sie diesen Winter überleben können. "Ernte für das Leben" wird einen Bauern, einen Bäcker und einen Unternehmer einladen, die biologischen Landbau, die Vollwertbäckerei und den Bau von Getreidemühlen lernen werden, damit auch in Bulgarien selbst Getreidemühlen hergestellt und somit Arbeitsplätze geschaffen werden können und die biologische Anbauweise verbreitet wird.
Der als "Wassermann" bekannt gewordene Bodenspezialist Roland Plocher spendete 150 Kilo Bodenverbesserungsmittel und wird mit mir gemeinsam im Frühling nach Bansko fahren, um den Bau von dringend benötigten biologischen Kläranlagen mit einheimischen Arbeitern in Gang zu bringen.
Das Modell Bansko kann und wird, das hoffe ich, beispielhaft werden für eine wirkliche Hilfe zur Selbsthilfe.
(Anmerkung von E.S.: Spendenkontonummer für "Pro Animale" und Bansko am Ende dieser Seiten)
Wie läuft ein normaler Tag in Deinem Leben ab? Wieviel Zeit verbringst Du in etwa zu Hause? Was machst Du in Deiner Freizeit? Andere Frauen gehen bummeln und Einkaufen - was machst Du? Wo zeigen sich Deine kleinen Eitelkeiten? Worin unterscheidest Du Dich von anderen Frauen, worin gleichst Du ihnen? Vermißt Du etwas aus Deinem früheren Leben?
Ein normaler Tag zu Hause verläuft etwa so: Aufstehen im Sommer um 6 Uhr, im Winter um 7 Uhr. Yogaübungen, Frühstück mit Musik und Kerzen, natürlich esse ich das "Barbara Rütting Brot", entweder selbst gebacken oder gekauft. Duschen. An die Schreibmaschine bis ca. 11 Uhr. Spaziergang mit den Hunden. Mittagessen zubereiten - ich bin eine Mittagessen-Esserin. Immer Salat zu Beginn der Mahlzeit! Danach Siesta, meistens nur 10 Minuten. Dann wieder Schreibmaschine bzw. neuerdings auch Computer, Post aufbereiten, Artikel schreiben. Entweder ein Ritt oder mit den Hunden spielen. Abends wieder schreiben, meine Fremdsprachenkenntnisse vertiefen - ich lerne gerade italienisch - vor dem Schlafengehen um 23 oder 24 Uhr Gitarre oder Klavier spielen.
Ich bin ca. die Hälfte des Jahres unterwegs in Sachen Menschen- Tier- und Umweltschutz, die andere Hälfte zu Hause. Ich brauche aber dieses Wechselbad zwischen Anspannung in "der Welt draußen" und der Heimeligkeit zu Hause.
Bummeln war ich noch nie, einkaufen gehe ich nur ungern - und wenn mir alles vom Leibe fällt oder ich die Bluse nun schon ein Dutzendmal im Fernsehen anhatte.
Kleine Eitelkeiten? Ich möchte so gut wie möglich aussehen, kann es aber nicht ausstehen, wenn ich über das, was ich an- oder im Gesicht habe, tagsüber nachdenken muß. Mit einem Lifting habe ich selbstverständlich auch mal kokettiert - dann aber wieder Abstand davon genommen, nicht weil ich auf meine Falten stolz bin, sondern weil mir der Gedanke, nur aus kosmetischen Gründen in einem gesunden Gesicht Narben zu setzen, geradezu blasphemisch erschien, und ich das viele Geld auch für wichtigere Dinge brauchte.
Da ich überwiegend Hosen oder Röcke plus T-Shirt und Blazer trage, halten diese ewig und sind auch nie unmodern, ich bin allerdings nie "in" - meinen Webpelz trage ich schon über 15 Jahre, obwohl der sicher gar nicht mehr modern ist. Ich finde es aber toll, wenn Frauen sich schön anziehen, schminken etc.
Was mich von anderen Frauen unterscheidet? Keine Ahnung. Jede Frau ist doch anders als "die anderen", oder?
Wie kommst Du mit Deinen Nachbarn, den Dorfbewohnern aus? Hat sich etwas geändert, als Dein Projekt "Ökodorf" nicht zustande kam?
Die Dorfbewohner betrachten mich vermutlich als Exotin, die hier nun mal schon seit 30 Jahren lebt, vielleicht auch als Spinnerin, können natürlich als Bauern und Jäger meine Ideen und Aktivitäten nicht nachvollziehen. So bin ich hier letztenendes total einsam. Habe ein wunderschönes Haus, aber es steht an der falschen Stelle.
Da ich mich während meiner Schauspielzeit trainiert habe, nicht danach zu fragen, was andere über mich denken, habe ich auch nicht nachgefragt, wie die Reaktionen auf das "Scheitern" des Ökodorfes waren. Einige haben sicher frohlockt.
Welche Stärken hast Du und welche hättest Du gern? Welches sind Deine Schwächen? Hast Du ein Laster? Ißt Du immer 100%ig gesunde Sachen? Was ißt Du am liebsten und/oder was bereitest Du am liebsten zu?
Die Stärken eines Menschen sind ja gleichzeitig auch seine Schwächen. Ich z.B. bin ein enorm großzügiger Mensch, mit tollkühnen Ideen, die ich sofort verwirklicht sehen will. Das bedeutet, daß ich ich extrem ungeduldig bin. Etwas mehr Geduld und Gelassenheit wäre gut. Das zu erreichen, daran arbeite ich auch. Zu meinen Stärken zähle ich Mut und Zähigkeit, die Fähigkeit, Menschen zu begeistern, Freude zu verbreiten, große Flexibilität und Toleranz - Eigenschaften, die von anderen als Schwäche, sprich Wankelmütigkeit, ausgelegt werden: Gestern hast du doch aber gesagt ...
Ich bin ein typischer Skorpion, Aszendent Zwillinge, heftig, mit ausgesprochenem Gerechtigkeitssinn. Ein zuverlässiger Freund.
Laster? Wüßte ich keines. Im Essen bin ich sehr diszipliniert, habe mich so programmiert, daß, was mir nicht gut tut, mir auch nicht schmeckt. Ich versuche, möglichst Lebensmittel aus ökologischem Anbau zu verwenden. Da ich kein Fleisch esse, lebe ich dennoch sehr billig - obwohl der Wein, den ich sehr gerne trinke, ökologischem Anbau entstammt. Ich koche sehr einfach. Suchtverhalten entwickle ich bei Pellkartoffeln mit Butter und Salz.
Was treibt Dich an? Wie überwindest Du Frust und Resignationsgedanken? Gibt es nach Deiner Meinung überhaupt noch eine Chance für die Menschheit?
Es muß so etwas sein wie der "Kategorische Imperativ", eben das Sich-Verpflichtet-Fühlen, das berühmte Apfelbäumchen zu pflanzen, auch wenn morgen die Welt unterginge.
Als ich begann, mich so intensiv auf das Thema Tierversuche einzulassen, habe ich wochenlang nur geweint, sodaß ich einmal ein Fernsehteam wegschicken mußte. Das Leben wird nie mehr, wie es vorher war, wenn man die Herausforderung annimmt, etwas gegen diese Greuel zu tun und nicht, wie die meisten Menschen, verdrängt und wegschaut.
Als ich einmal dachte, ich gebe auf, ich halte es nicht mehr aus, erhielt ich einen Brief von einem Wiener Eisenbahner. Ich muß die Käfige mit den Versuchstieren umladen, schrieb er, die Tiere sind halb verendet, haben sich gegenseitig angenagt vor Verzweiflung - wenn ich meinen Mund aufmache, verliere ich meinen Job. Wenn Sie, als Prominente, Ihren Mund aufmachen, hören die Menschen eher hin. Ich flehe Sie an, geben Sie nicht auf! Seither begreife ich diese ganze sogenannte Prominenz als Verpflichtung, meinen Mund aufzumachen, wenn es darum geht, auf die Leiden von Lebewesen aufmerksam zu machen.
Wenn ich in ein Verzweiflungsloch gerate, was natürlich angesichts des Zustandes dieser Welt immer wieder geschieht, weine ich, schluchze ich, heule ich, brülle, gehe mit meinen Hunden in den Wald, singe laut, nehme ein heißes Bad oder gehe in die Sauna, koche mir etwas Gutes, mache den Kamin und Kerzen und Musik an und eine Flasche Wein auf und schmuse mit meinen Tieren.
Ich hoffe, obwohl es nicht so aussieht, daß die Menschheit doch noch zur Besinnung kommt, vielleicht erst durch weitere Katastrophen. Meine Hoffnung sind die Kinder. Und deshalb möchte ich auch mit Kindern leben. Alle meine Freundinnen sind viel jünger und haben meistens kleine Kinder. Bei den Kindern bemerke ich einen deutlichen Bewußtseinssprung. Häufig erziehen die Kinder ihre Eltern. Mich machen die vielen Zuschriften glücklich, daß ganze Familien durch die Umstellung ihrer Ernährung aufgrund meiner Kochbücher gesünder und glücklicher geworden sind. Und sehr berührt hat mich, als ein Fotograf, der neulich hier bei mir Fotos für einen Bericht machte, mir erzählte, daß seine Familie auch vegetarisch lebt, und sein kleiner 4 1/2 jähriger Sohn Ole einmal sagte: Gibt es wirklich Menschen, die Fleisch essen?
Beim Kongreß "Visionen menschlicher Zukunft" kürzlich in Bremen wurde nur vegetarisches Essen serviert. Immer häufiger liest man auch: Die Verpflegung ist vegetarisch - auf Wunsch auch Fleischgerichte. Eine Umkehr ist absolut zu beobachten. Viele Menschen kommen zum Umdenken durch die neuesten Studien, die belegen, daß Vegetarier, wenn sie sich vollwertig ernähren, gesünder sind. Aber die Umstellung muß sanft vor sich gehen. So versuche ich nie, Menschen zu "bekehren", sondern ihnen die vegetarische Vollwerternährung schmackhaft zu machen und sie dafür zu begeistern.
Wenn alle weniger Fleisch essen würden, und das nur von artgerecht gehaltenen Tieren, Eier nur von freilaufenden Hühnern, dann wäre schon viel gewonnen, für die eigene Gesundheit, für das Wohl der Tiere, für die Umwelt und - für die Menschen in den Hungerländern. Denn zur Zeit ist es tatsächlich so: Das Vieh der Reichen frißt das Brot der Armen. Keinem Geringeren als Albert Einstein wird der Satz zugeschrieben: "NICHTS WIRD DIE CHANCEN FÜR EIN ÜBERLEBEN AUF DER ERDE SO STEIGERN, WIE DER SCHRITT ZUR VEGETARISCHEN ERNÄHRUNG."
Der SCHRITT zur vegetarischen Ernährung! Man kann nicht verlangen, daß alle Menschen plötzlich Vegetarier werden. Obwohl das natürlich wunderbar wäre ...
Hast Du schon Geburtstagsvorbereitungen getroffen?
Eine große Geburtstagsfeier wird es nicht geben. Wahrscheinlich fahre ich zusammen mit einer Freundin nach Assisi.
Hast Du noch Kontakte zu Bekannten und Kollegen aus Deiner Schauspielzeit?
Nur zu wenigen, wie Ruth Maria Kubitschek und Dietmar Schönherr. Wir sind befreundet, sehen uns aber auch selten, da wir ja alle irgendwie "Workaholics" sind ...
Seit wann benutzt Du einen Computer. Fiel Dir die Umstellung schwer? Weißt Du wie er wirklich funktioniert oder kannst Du ihn nur benutzen?
Ich versuche gerade, mich mit dem Computer anzufreunden, schreibe aber die meisten Artikel und Briefe noch mit der (immerhin schon elektronischen) Schreibmaschine, aus Angst, alles versehentlich zu löschen, eine schreckliche Vorstellung. Es ist mir völlig schleierhaft, wie ein Computer funktioniert, aber er fasziniert mich. Ich werde unbedingt weiter üben, damit zurecht zu kommen.
Wie sind Deine Schreibgewohnheiten? Hast Du feste Zeiten oder gehst Du in Klausur?
Klausur wäre toll, geht aber nicht bei meinem Haushalt. Ich sitze mit meiner Schreibmaschine an einem unmöglichen Tisch, meistens 1 oder 2 Katzen auf meinem Schoß. Ich schreibe immer vormittags von 9-11 oder 12 Uhr, dann wieder nachmittags von 15-17 Uhr und notgedrungen noch einmal abends und nachts, wenn Pferde und das letzte Huhn Anni unter Dach und Fach sind und auch Hunde und Katzen Ruhe geben. Dann aber oft die halbe Nacht.
Ich schlafe immer zu wenig, ganz ungesund.
Für ein Buch brauche ich jedesmal 2-3 Jahre, auch für die Kinderbücher.
Wie lebst Du mit Deinen Tieren? Dürfen sie ins Haus? Wer füttert? Wird viel geschmust?
"Alle Hunde dürfen alles", hat die berühmte Schauspielerin Grete Weiser einmal gesagt.
Bei mir ist das so: Die Pferde Candy und Stella und das Huhn Anni bleiben im Stall, alle anderen, die Katzen Mayoli und Tamera, die Hunde Eldorado, Lilliy und Cioccolato dürfen nicht nur ins Haus, sondern auch im Bett schlafen, Hygiene hin oder her, nichts ist entspannender und tröstlicher als einen Hund in der Kniekehle zu spüren oder ein Kätzchen am Bauch.
Barbara, vielen Dank, daß Du - schon sehr geduldig - meine vielen Fragen so eingehend beantwortet hast!
Für Dein weiteres Leben und Deine nächsten Vorhaben wünschen wir Dir, von der Tierschutzseite Österreich, viel, viel Glück und Freude!
"Pro
Animale" in Deutschland
Kreissparkasse Staffelstein
BLZ 77051860
Kontonummer: 667162
"Pro
Animale" in Österreich
über Prof. Hertha Heger
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Projekt
"Bansko" (Bulgarien)
über Barbara Rütting
Salzburger Sparkasse Bank AG
BLZ 20404
Kontonummer: 00700577007
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